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Leica Oskar Barnack Award Newcomer 2016: Clémentine Schneidermann „The Unbearable, the Sadness and the Rest“

Preisträgerin Newcomer 2016: Clémentine Schneidermann

Die Gewinnerin des Leica Oskar Barnack Newcomer 2016, dotiert mit 10.000 Euro und einer Leica M Kamera mit Objektiv, ist Clémentine Schneidermann mit ihrer Serie „The Unbearable, the Sadness and the Rest“.
Vor knapp einem Jahr zog die in Paris geborene Fotografin nach Abertillery in Südwales. Sie hatte bereits ihr Studium in Newport abgeschlossen und begann im Rahmen eines Residenzprogramms sich intensiver mit der Lebenssituation in der Region zu beschäftigen. Landschaftlich zwar ungemein reizvoll, belasten die Gegend jedoch enorme wirtschaftliche und soziale Probleme. Nach dem Ende des Kohlebergbaus stecken die Gemeinden der South Wales Valleys in einer postindustriellen Krise. Die hier vorgestellte Serie verbindet in sehr ungewöhnlicher Weise die Stilmittel von Dokumentar-, Porträt- und Modefotografie.

Q: Wie lange haben Sie an diesem Projekt gearbeitet?

A: Ich habe zehn Monate in den South Wales Valleys gelebt und dort fotografiert. Vor allem habe ich mich in der Gegend von Blaenau Gwent aufgehalten, die meisten Bilder entstanden in den Gemeinden Coed Cae und Swffryd.

Q: Wie würden Sie die Situation der Orte, die Sie kennengelernt haben, beschreiben?

A: Seit der Schließung der Stahlwerke und der Kohlengruben in der Thatcher-Ära musste die Region darum kämpfen, neue Aktivitäten anzuziehen, und ist zu einem attraktiven Ort für Investitionen geworden. In diesem Wirtschaftskampf versteht man, warum die Menschen am Ende jegliche Hoffnung verlieren. Noch schwieriger ist es für die Kinder, die in dieser Umgebung isoliert vom Rest der Welt aufwachsen

Q: Haben Sie sich auch deshalb auf die Kinder konzentriert?

A: Ja, ich wollte mit den Kindern zusammen arbeiten. Ich kooperierte eng mit einem Jugendclub in der Gegend von Coed Cae. Ich habe einen Ort, ein Datum, Models und Stylisten gebucht, als ob die Aufgabe ein echtes Mode-Shooting wäre. Der Tag des Shootings war stürmisch, regnerisch und extrem windig. Wahrscheinlich war es der schlimmste Tag, den man sich vorstellen kann, um Kinder zu fotografieren, die draußen empfindliche Designerkleidung tragen. Aber das Ergebnis waren genau die Bilder, die ich mir erhofft hatte: zart, verrückt und ein bisschen dramatisch. In der Zukunft hoffe ich, die Kinder mehr in den Prozess des Fotografierens einbeziehen zu können.

„Sowohl mit magischem Mut als auch mit visuellem Gespür bin ich auf der Suche nach einem neuen Weg, diese Gemeinden darzustellen.“

Q: Wie waren die ersten Reaktionen auf ihre Aufnahmen?

A: Die Menschen in den South Wales Valleys leiden unter der Darstellung ihrer Region in den Medien. Sie haben das Gefühl, dass die Journalisten nur für einen Tag kommen und die schlimmsten Aspekte der Region zeigen, Alkoholismus, Drogen, Armut, die ein schreckliches Bild verfestigen. Da ich seit fast einem Jahr in der Gegend lebe und eine Beziehung zu der Gemeinde aufgebaut habe, versuchte ich, die Barriere zwischen dem Insider- und dem Blick von außen zu überwinden. Alle meine Bilder wurden als kostenlose Beilage einer lokalen Zeitung, „The Dynamic“, veröffentlicht und in der ganzen Region in Geschäften, Tankstellen, Gaststätten und Gemeindezentren verteilt. Ich denke, meine Fotografien unterscheiden sich stark von dem, was sie normalerweise zu sehen gewohnt sind – einige Leute könnten deshalb überrascht sein, aber bisher sind die Reaktionen positiv. Ich habe versucht, neben der Brutalität der Gegend auch die Zartheit zu zeigen. Es gibt auch viel Humor in den Bildern, der hilft, die Arbeit in einem milderen Licht erscheinen zu lassen.

Q: Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

A: Ich habe vor kurzem eine Promotion an der University of South Wales begonnen und ich hoffe, dass ich die Gelegenheit haben werde, weiter in diesen Gemeinden zu arbeiten.

Clémentine Schneidermann

1991 in Paris geboren, entdeckte Clémentine Schneidermann als Jugendliche die Fotografie in den Straßen von Paris. Sie studierte von 2009 bis 2012 Fotografie am Centre d’enseignement professionnel de Vevey in der Schweiz. Von 2012 bis 2014 absolvierte sie ein Master-Studium in Dokumentarfotografie an der University of Wales in Newport. Hier entstand auch die Serie mit der sie sich für den Leica Oskar Barnack Award 2016 bewarb.